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Offener Brief
An den
Geschäftsführer der STEG Hamburg mbH
Hans Joachim Rösner
Schulterblatt 26-36
20357 Hamburg
Hamburg, den 21. Juni 2011
Sehr geehrter Herr Rösner,
mit Erschrecken haben wir von Ihrem Versuch erfahren, dem Trägerverein Marktstrasse 138 Veranstaltungen im Rahmen des internationalen Recht auf Stadt Kongresses zu untersagen.
Konkret haben Sie dem Verein am 1. Juni 2011 geschrieben: "Wie wir mit Ihnen vereinbart haben, können die Flächen in der Marktstraße 138 temporär für künstlerische Zwecke durch den Verein genutzt werden. Politische Veranstaltungen in diesem Rahmen würden unseren bisherigen Absprachen nicht entsprechen und wären ein Missbrauch der zur Verfügung gestellten Flächen."
Diese Sätze stellen einen eklatanten Versuch dar, künstlerische Arbeit ("künstlerische Zwecke") inhaltlich zu zensieren, und damit eine Verletzung der Freiheit der Kunst im Sinne von § 5 Grundgesetz.
Der Trägerverein Markstrasse 138 hat Sie in seiner Antwort deutlich auf seinen künstlerischen Ansatz hingewiesen: "Die Grundlage der Idee einer Sozialen Plastik ist jeder Mensch, der durch Denken und Sprache soziale Strukturen entwickelt. Diese Entwicklung der Gesellschaft ist ein kontinuierlicher kreativer Prozess. Die Aufgabe der Kunst ist es, dem Menschen diesen Prozess bewusst zu machen."
Neben der künstlerischen Erklärung hat Ihnen der Verein auch eine Liste der Veranstaltungen geschickt. Ein Blick auf die Kongresswebseite genügt, um zu sehen, wer in der Marktstrasse Auftritt: der Kunstprofessor Brett Bloom (Jutland Kunstakademy, Aarhus, DK), Dr. Anke Haarmann (Dozentin an der Leuphana Universität Lüneburg), die österreichische Architekturzeitschrift "dérive" (Wien), die Kunstzeitschriften "The Journal of Aesthetics & Protest" (Los Angeles), "mute" (London), der Verlag "temporary services" (Chicago/Copenhagen) und das in Hamburg basierte "Journal of North-East Issues".
Ihre unfassbare Antwort auf das Schreiben des Vereins: "Ihre Antwort soll wohl geistreich und witzig sein. Ist sie aber nicht. Wir werten diese "Antwort" als Bestätigung der missbräuchlichen Verwendung der Räume im EG der Marktstraße 138."
Einer solch hanebüchenen Ignoranz müssen wir in aller Entschiedenheit entgegentreten.
Denn neben den oben gelisteten institutionell abgesicherten und international ausgestellten Teilnehmerinnen an den Veranstaltungen, die ohne Zweifel einen "künstlerischen Zweck" auch nach einem beschränkten Kunstbegriff begründen, geht es beim heutigen, erweiterten Kunstbegriff, auf den der Begriff der "sozialen Plastik" referiert, um etwas Weitergehendes. Denn seit den Neunzigerjahren befassen sich Kunstprojekte damit, kommunikative Plattformen des Austauschs zu schaffen - ob für Oppositionelle, Flüchtlinge, Arbeitslose oder anderweitig Engagierte. Auf den Biennalen der Welt sind Arbeiten mit emanzipatorischen und explizit politischem Inhalt - und Praxis - zu sehen. Künstlerinnen und Künstler befassen sich kritisch mit Stadtentwicklung, sie kooperieren mit politischen und sozialen Bewegungen und greifen aktiv in urbane Prozesse ein. Dabei streift das Publikum seine passiv-konsumierende Rolle ab und erzeugt zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern Orte aktiver Teilhabe, die häufig im Konflikt liegen mit dem politischen Mainstream.
Für diese erweiterte Kunstpraxis sind sämtliche Veranstaltungen des Hamburger Recht auf Stadt Kongresses interessant und relevant. Sie könnten so oder anders auf jeder Biennale der Welt oder einer der Dokumentas der letzten 15 Jahre stattfinden. Ganz ausdrücklich sind es solch kritisch-politische Projekte, für die sich das Hamburger Kunst im öffentlichen Raum Programm geöffnet hat, und so ist es kein Zufall, dass die Kulturbehörde den Kongress finanziell mitgefördert hat.
Das Bundesverfassungsgericht hat die Kunstfreiheit und ihr Verhältnis zu Politik und politischen Inhalten bereits Anfang der 80er Jahre in aller Deutlichkeit ausdefiniert: "Fällt damit die Veranstaltung (...) in den Schutzbereich von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, kann daran auch die vordergründige und eindeutige politische Absicht der Veranstalter nichts ändern. Verbindliche Regeln und Wertungen für die künstlerische Tätigkeit lassen sich auch dort nicht aufstellen, wo sich der Künstler mit aktuellem Geschehen auseinandersetzt; der Bereich der "engagierten Kunst" ist von der Freiheitsgarantie nicht ausgenommen."
Da die STEG sich inzwischen häufiger mit Immobilien für Kunst befasst, von der Stadt Hamburg etwa als Trägerin des Gängeviertels ins Spiel gebracht wird, oder als Entwicklerin von "Kreativimmobilien" auftritt, weisen wir an dieser Stelle diese inhaltliche Einmischung in künstlerische Arbeit aufs schärfste zurück.
Wir, die Unterzeichnenden, fordern Sie dazu auf, sich im Namen der STEG bei dem Verein und den in ihren Grundrechten geschädigten Künstlerinnen und Künstlern, zu entschuldigen. Darüberhinaus erwarten wir von der STEG eine öffentliche Erklärung, in Zukunft das Grundgesetz zu respektieren und die inhaltliche wie formale Freiheit der Kunst ohne Abstriche zu gewährleisten.
Wir erwarten Ihre Entschuldigung und die Erklärung bis zum 27. Juni 2011.
Hochachtungsvoll
Lara Almarcegui, Artist, Rotterdam, The Netherlands
Jennifer Bennett, Freie Künstlerin, Hamburg
Prof. Dr. Karen van den Berg, Kunstwissenschaftlerin, Zeppelin Universität Friedrichshafen
Prof. Dr. Ulrike Bergermann, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Carolin Berendts, Kulturwissenschaftlerin, Berlin
Eva Birkenstock, Kuratorin Kunsthaus Bregenz, Bregenz/Berlin
Michael von Bismarck, Fotograf/Gartenkunstnetz, Hamburg
Brett Bloom, Associate Professor, Det Jyske Kunstakademi (The Jutland Royal Academy of Art), Århus, Denmark
Prof. Arno Brandlhuber, Lehrstuhl für Architektur und Stadtforschung an der AdBK Nürnberg, Architekt Berlin
Theo Bruns, Verlag Assoziation A, Hamburg
Tino Buchholz, Stadtsoziologe, Universität Groningen, NL
Larisa Cataño, Freischaffende visuelle Künstlerin, Berlin
Hans D. Christ, Direktor, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart
Axel Claes, Artist, PTTL - Brussels _ Belgium
Alice Creischer, Künstlerin, Berlin
Margit Czenki, Künstlerin, Filmemacherin, Hamburg
Kerstin Davies, Grafikerin, Hamburg
Mia Diekow, Musikerin und Schauspielerin, Hamburg
Christine Ebeling, Künstlerin, Initiatorin "KULTURSCHUTZGEBIET", Gängeviertel e.V., Hamburg
Eva Egermann, Künstlerin, Wien
Jeanne Faust, Künstlerin, Hamburg
Oliver Frank Musikmanager Hamburg
Dr Brigitte Franzen, Direktorin, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen
Nikolaus Gerszewski, Komponist / Konzertveranstalter
Gesellschaft für operative Kunst
Jonathan Gröne Architekt, Delbrück NRW
Angela Guerreiro, Choreographin, Tänzerin, Kuratorin, Hamburg
Dr. phil. Anke Haarmann, Künstlerin, Kuratorin, Philosophin, Leuphana Universität Hamburg/Lüneburg
Petra Hacker Köchin / Ausbilderin Jugendsozialarbeit Schanzenviertel e.V.
Tino Hanekamp, Autor & Veranstalter, Hamburg
Jakob Hartmann M.A., Kunsthistoriker, Hamburg
Till F.E. Haupt, Künstler, Hamburg
Tom Hensel, Self Employed Freelancer, Frappant, Hamburg
Marc Herbst, Journalist and Artist/ Journal of Aesthetics & Protest, Los Angeles / Leipzig
F. Hinrichs, HANSEPLATTE (Plattenladen für Musik und Kultur aus Hamburg)
Brian Holmes, Cultural Critic, Professor at European Graduate School, Chicago
Mauricio Isaza-Camacho Publizist Ojalá - Zeitschrift in der Diaspora
Dr. Gora Jain, Hamburg
Jakob Jakobsen, Visual Artist, Copenhagen
Journal for Northeast Issues - Art and Community, Hamburg/Berlin
Gesine Judjahn, Yoko Mono, Hamburg/ Marktstraße
Felix Jung, Artivist, Hamburg
Tim Kaiser Künstler, Grafiker Hamburg
Christa Kamleithner, Gastprofessorin an der AdBK in Nürnberg, Masterstudiengang Architektur und Stadtforschung
Professor Grant Kester, Chair, Visual Arts Department, Art History, University of California, San Diego, La Jolla, California
Nicola Kirkham, Librarian, Private Collection, London
Madlen Kleest, Illustratorin, Artdirektorin, Hamburg
Frederice Klinge/Hamburg Fotografin Mitglied des Aufsichtsrats der Gängeviertel e.G
Carsten Klook, Autor, Hamburg
Katharina Köhler Buback Tonträger Hamburg
Ralf Köster, Golden Pudel Club
Rita Kohel Designerin+ Künstlerin, Gängeviertel, Hamburg
Peggy Kostaras, Musikmanagerin, Hamburg
Hannah Kowalski, Dramaturgin, Gängeviertel
Jeanette Kratzert, Grafikerin, Hamburg
Juliane Kruppke, Künstlerin Hamburg/Gängeviertel
Gesa Lange, Künstlerin, Hamburg
Thomas Lörtsch, Informations-Architekt, Hamburg
LOMU – local organized multitude, Hamburg
Dirk von Lowtzow, Musiker, Tocotronic, Berlin
Matteo Lucchetti, Independent Curator, Milan
Manuel Lutz, PhD candidate, DFG fellow, Transatlatlantisches Graduiertenkolleg Berlin-New York, TU Berlin
Viktor Marek, Musiker, Geschäftsleiter Golden Pudel Club, HH
Prof. Dr. Christian Martin Politikwissenschaft Universität Kiel
Alejandro Meitin, artist, lawyer, environmental activist, co-founder / coordinator Ala Plástica, La Plata, Buenos Aires, Argentina
Roland Meyer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität der Künste Berlin
Prof. Eduardo Molinari, visual artist, IUNA / Instituto Universitario Nacional de Arte, Buenos Aires, Argentina
Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, Hamburg
Peter Mutschler, Direktor und Kurator PS2, Belfast
Thies Mynther, Musiker und Komponist, Hamburg
Not in our Name, Marke Hamburg
Olaf Nicolai, Künstler
Adam Page, Gastprofessor, Bauhaus Universität Weimar, MFA Public Art
Robert Paschmann, Dokumentarfilmautor, Dozent, Hamburg
Stefan Pertschi, Zeichner, Maler, Hamburg
Jürgen Pitzschel, TeeSommelier, Hamburg
Chris von Rautenkranz, SOUNDGARDEN Tonstudio GmbH, Hamburg
Oliver Ressler, Künstler, Wien
Mense Reents, Musiker, Hamburg
Derek Richards, Piece Of Cake, Hamburg
Simone Scardovelli, Fotografin, Hamburg
Christoph Schäfer, Künstler, Hamburg
Richard v.d. Schulenburg, Musiker, Hamburg
Dr. Nina Schuster, Stadtsoziologin, TU Dortmund
Anke Schwarz, Research assistant, Helmholtz-Centre for Environmental Research, Leipzig
Jakobus Siebels, Künstler, Musiker, Hamburg
Andreas Siekmann, Künstler, Kurator, Berlin
Nicolas Siepen, Künstler, Filmemacher, Theoretiker, Professor für bildende Kunst Universität Tromsø, Norwegen, Berlin
Prof. Nika Spalinger, Künstlerin, Dozentin an der Hochschule Luzern, Design & Kunst
Dr. Felix Stalder, Dozent für Digitale Kultur, Zürcher Hochschule der Künste
Jörg Stange, Christoph Richter (Vorst.) Fachgruppe Bildende Kunst Hamburg Ver.di u. Beirat im Bundesvorstand Berlin FGBK (Ver.di) F8 Kunst + Medien
Jan Philipp Stange, Student, Hamburg
Julia Staron, Kunsthistorikerin u. Künstlerin, Hamburg
Gisela Stelly-Augstein, Autorin, Filmemacherin, Hamburg
St. Pauli-Archiv e.V., Hamburg
Jan Soeken, Kunstlehrer, Hamburg
Benjamin Sohrt, Unternehmensberater für Künstler und Kulturschaffende, Hamburg
Christian Striboll, Filmemacher, Hamburg/ Berlin
Apolonija Sustersic, artist / architect, PhD student at Lund University, Sweden
Theresa Thiele Dipl.Ing. Architektur Hamburg/Gängeviertel
Sandra Trostel, Filmemacherin
Cathrin Ulikowski, Künstlerin, Hamburg
Alexej Ulbricht, PhD Candidate, School of Oriental and African Studies, London
Lena Ullrich, Freie Journalistin, Hamburg
Marion Walter, Bildhauerin, Hamburg / Gängeviertel
Margaux Weiss, Studentin, Hamburg
Jan Wenzel, Autor, Künstler und Verleger (Spector Books), Leipzig
Helena Wittmann, Künstlerin, Filmemacherin, Hamburg
Kathrin Wolf, Künstlerin, Hamburg
Florian Zeyfang, Künstler, Berlin, Professer Umeå Academy of Fine Arts, Umeå / Schweden
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topic: UNTERSCHRIFT STEG, content: ihr Name, Beruf oder Institution, Stadt
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